Predigt zum Lesen

Gottesdienstvielfalt

Und was die Mannschaft auf dem Schiff, ganz fest zusammen schweißt In Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist EG 609,3

 

Eine Predigt 

Gehalten am 14.03.2009 anlässlich des Schnapszahlgottesdienstes von Pfarrerin Bettina von Kienle

 

Liebe Gemeinde,

immer wenn ich in unsere Kirche gehe, dann habe ich einen Weg vor mir.

Nach den Stufen, die man bei uns erklimmen muss, wird der Boden gerade und eben.

Nach der Helle des Tages tauche ich ein in die Dunkelheit, die gerade einmal von zwei Fensterschlitzen erhellt wird.

Auch die Laute, die von draußen noch hier hineindringen, sind sehr gedämpft.

Wir leben hier wie in einem Schutzraum, der uns Ruhe schenken will,

Atem holen lässt und auf uns selbst zurückwirft.

Ich suche mir einen Platz, einen, der mir gut tut.

Das kann ganz weit vorn sein, nah beim Altar,

aber auch weiter hinten, mehr an der Seite, wo ich alles auch ein bisschen beobachten kann,

oder in der Nähe von Menschen, in deren Nähe ich mich wohl fühle.

Es gibt für jeden einen Platz und er kann auch wechseln.

Denn jeder wird das suchen, was er braucht.

 

Geborgenheit und Nähe, Kontakt oder Zurückgezogensein,

in Gottes Haus sind viele Wohnungen.

 

Und wenn ich dann sitze, dann wird mein Auge geleitet.

Ganz unterschiedlich, wohin ich sehe.

Manche schauen einander an, weil das ja bei unserer Sitzordnung so leicht möglich ist,

manche schauen, ob unsere Konfis schwätzen oder Unsinn machen.

Bei vielen fällt der Blick auf unsere Kerzen an der Kerzenwand und auf die anderen Kerzen, die hier brennen.

 

Manche werden heute auch zu dem Brunnen schauen, der erstmalig hier bei uns heute steht und in Betrieb ist wie er auf uns alle wirkt, werden wir sehen.

Wir möchten, dass wir mit dem klaren Wasser, das hier sprudelt zur Quelle des Lebens geführt werden.

 

Die meisten sehen auf den Altar und auf das besondere Kreuz, das bei uns hängt.

Eines, wie ich es nur von uns kenne.

Es hat ein warmes, leuchtendes Herz.

Ein Herz, das für die Menschen schlägt.

In seinem warmen Leuchten geht etwas von ihm aus, das den Raum verwandelt.

 

Es gibt in vielen Kirchen viel größere Kreuze, manche dominieren wuchtig das Kirchenschiff.

Ich habe festgestellt, dass jede Gemeinde ihr Kreuz lieben lernt, weil sie es immer sieht, weil es für sie das Bild des Christus vergegenwärtigt.

Vor nicht ganz einem Jahr war unser Ältestenkreis in der Michaelskapelle bei Baden-Baden, einer Kirche, die genauso aufgebaut ist wie unsere Kirche.

Nur kleiner, etwas andere Beleuchtung, mit edlem Kupferdach.

Doch wir alle vermissten unser Kreuz.

Und im Gespräch mit den ältesten dort: sie liebten gerade ihr Kreuz, das uns sehr fremd war, weil es den leidenden Christus so deutlich nachzeichnete.

Dort in Baden-Baden spürte ich, was unser Kreuz macht:

Es gibt Wärme ab, es tröstet, es leuchtet für uns.

Es will nicht herrschen, es will da sein für uns.

Und es stellt das Leben dar, obwohl es auch das Zeichen des Todes ist.

 

Es verbindet für mich das, was im Leben auch verbunden werden muss:

Leben und Tod, Freude und Leid,

Himmel und Erde, das Reich Gottes und die Regierungen der Menschen.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Ewigkeit.

Und da, wo sich das alles kreuzt, sehe ich nicht nur zwei Linien,

sondern einen edlen Stein, naturbelassen und nicht geschliffen,

lebendig mit allen Ecken und Kanten,

so wie das Leben selbst, so wie auch mein Leben.

 

Diese Spannung hält der Stein aus, er zerbricht nicht, sondern leuchtet,

er gibt mir das Gefühl, mit meinen Sorgen und meiner Freude nicht allein zu sein.

 

Es lässt mich in eine Zukunft schauen, die anders ist, als ich mir sie jetzt vorstellen kann.

Eine Zukunft, in der Ängste und Sorgen nicht mehr wichtig sind,

in der ich Raum finde und Ruhe,

in der ich lachen kann und verzeihen,

in der ich die Trauer vergessen darf und allen Streit.

Nicht zurückschauen, sagt der Wochenspruch.

Nicht zurückschauen soll ich sondern nach vorn in das Reich Gottes.

In der Jugend fällt das leicht, weil wir sichtbar das Leben vor uns haben.

Im Alter fällt es schwerer, weil das, worauf wir nach vorne schauen können, immer mehr in der Verborgenheit der Weisheit Gottes liegt.

Doch auch dieses Vorwärts ist da.

Als Jesus davon sprach, dass wir nach Vorn schauen sollen, da hatte er seinen Tod mehr oder weniger vor Augen.

Und er sprach gerade deswegen davon, weil der Blick auf das Reich Gottes über den leiblichen Tod hinausgeht in eine neue Wirklichkeit.

Diesen Blick brauchen wir, um zu leben und zu sterben.

In dieser Wirklichkeit wird es keine Täter und keine Opfer mehr geben.

Sie wird Licht, Wärme, Geborgenheit sein das, was uns hier so sehr beeinträchtigt, wird es einfach nicht mehr geben.

Im Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgesehen ist, kommen diese Nöte, die uns beeinträchtigen und uns den Blick auf Gottes Reich rauben wollen vor.

Sie tauchen auf in Gestalt dreier Menschen, die auf Jesus zukommen und ihm folgen wollen, dann aber von ihren Ängsten abgehalten werden:

Den ersten ereilt die Angst vor der Unsicherheit. Weder Haus noch Habe kann ich ins Reich Gottes mitnehmen.

Der zweite wird von seiner Trauer abgehalten.

Und der dritte fühlt sich durch Beziehungen festgehalten und verpflichtet.

Doch all dies ist im Reich Gottes in einer anderen Dimension zu sehen.

Es gibt dort kein Eigentum, keinen Tod und keine Trauer mehr und niemand, der mich fesselt oder festhält in Verpflichtungen.

 

Unser Kirchenbau will den Blick in Richtung von Gottes Reich lenken mit kleinen Hinweisen und Signalen.

Und manchmal sagt einer: Frau Pfarrer, ich hab gar nicht so genau ihren Worten zugehört, aber in der Kirche zu sitzen, das tat gut.

Solche Menschen sind dem Gottesreich nah gewesen auf ihre Art.

Es gibt nicht nur den einen Weg dorthin, sondern viele.

Soviele es Menschen gibt.

Lassen Sie uns Gott dafür danken. Amen.